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Die Absurdität des Nihilismus - eine absurde Abführung

Es besteht kein Unterschied, wenn gesagt wird: "Es gibt keine Wahrheit." oder gesagt wird: "Niemand kann die Wahrheit erkennen.". Denn "Wahrheit" ist ein Erzeugnis des Menschen: Sie wird in dem Moment geschaffen, in der wir sie finden. Es kommt also aufs Gleiche hinaus, wenn wir sagen: "Niemand kann eine Wahrheit schaffen", oder wenn wir sagen: "Es gibt von von Anfang an keine Wahrheit". In beiden Aussagen bleibt sie eine nicht seiende Erfindung, also eine Einbildung. Sie ergeben keinen Widerspruch.
Allerdings besteht sehr wohl ein Unterschied, wenn jemand sagt: "Gott ist tot.", oder sagt: "Gott ist nicht erfassbar, nicht beweisbar, flüchtig."
Angenommen mit Gott ist ein oberstes Prinzip, eine ewige Instanz, gemeint, das über unserer Welt steht. Dann wird der Unterschied erkennbar, wenn jemand sagt: "Es gibt kein oberstes Prinzip." oder sagt: "Wir werden ein oberstes Prinzip nie erfassen können.". Während die erste Aussage Gottes Existenz von vornherein ausschließt, schließt die zweite Aussage lediglich deren Beweisbarkeit aus. Im Gegensatz zu der oben dargestellten "Wahrheit" kann man hier nicht unbedingt von der Nicht-Auffindbarkeit auf die Nicht-Existenz schließen, es sei denn man deklariert den "Gott als das oberste Prinzip" von vornherein als subjektive Einbildung und nicht als Wahrnehmung eines seienden Dinges aus der existierenden Welt.
Da wir aber davon ausgehen, dass der Mensch nur durch die Inspiration seiner Sinneserfahrung auf sein Denken schließen kann, darf Gott also auch existieren, wenn wir ihn nicht zu erkennen vermögen.
Damit ergeben diese beiden Aussagen einen Widerspruch. Die zweite Aussage: "Gott gibt es oder auch nicht." ist in jedem Fall als wahr anzusehen, während die erste Aussage: "Gott gibt es nicht." unbegründet im Raum steht. Folglich ist die nihilistische Aussage: "Es gibt keine oberste ewige Instanz, keinen Gott, kein oberstes Prinzip." keine empirische Wahrheit, sondern nur eine willkürlich angenommene Behauptung.
Daher sind mir jene Art junggeistlicher Nihilisten suspekt, die dem Reli-Lehrer völlig aus dem Zusammenhang gerissen das Nietzsche-Zitat "Gott ist tot. Wir haben ihn getötet." an den Kopf knallen und sich dann darüber freuen. Auch jene jämmerliche Gestalten, die im Begriff sind, "Übermenschen" zu werden, indem sie alle Werte und Prinzipien umhauen, um sich dann die "immanente, dem Leben dienliche Entsprechung" zu suchen, sind ziemlich bemitleidenswert. Im Klartext sehe ich darin einen Akt des Egoismus, um eigene unmoralische Taten zu rechtfertigen bzw. einfach nur eine Art von Selbstdarstellung gegenüber Personen, die sich mit solch einer Albernheit nicht auseinander setzen wollen.
Doch bitte versteht mich nicht falsch: Ich stehe der Relativierung bestimmter Normen und Werte keinesfalls negativ gegenüber, ebenso wenig verneine ich die Vorstellung der "ewigen Wiederkehr". Ich glaube nur, die Unwürde des Menschen, ein Übermensch zu werden, und seine Fehlerhaftigkeit zeigt sich bereits am Bestreben, ein Übermensch zu werden.
Außerdem habe ich am obigen Beispiel bereits gezeigt, dass man diese Auslegung des Nihilismus nicht ernst nehmen kann, zumindest nicht im modernen Kontext; "Gott ist tot" ist lediglich eine Anspielung auf die Unvereinbarkeit wissenschaftlicher Theorien und christlicher Wertvorstellung, die damals noch wörtlich genommen wurde. Es ist die bloße Kritik an die Moral damaliger Zeit. Wer also immernoch denkt, er könne Übermensch werden oder wir hätten Gott getötet, dem soll gesagt sein:
Hüte dich vor der Moral der völligen Verneinung, denn sie ist die extremste Hypothese.

// Bevor hier jemand "Humbug!" oder nur "Nein!" schreibt, bitte ich um sachlich begründete Äußerungen
Puppetmaster of myself - 17. Dez, 00:29

Wenn die Sinneswahrnehmungen das Denken im höchsten Maße schaffen und dieses widerum auf ein höheres Prinzip schließt, in Form eines Gottes, so kann davon ausgegangen werden, dass ebenso gut ein Subjekt zu dem Schluss gelangt es existiere kein höheres Prinzip. Beide entspringen (wie alles) der Wahrnehmung und besitzen daher ihre Beweggründe im subjektiven. Da nun jedem Grund der gleiche Stellenwert zu kommt, kann keine qualitative Unterscheidung getroffen werden. Da aber das höchste Prinzip über allem, eben einzigartig und uneingeschränkt sein soll, dies aber nicht gewährleistet ist, so existiert es nicht.
Warum soll zwischen Wahrheit und höheres Prinzip unterschieden werden?

mightygurke - 17. Dez, 03:15

Humbug!

Gott steht nicht nur fuer das oberste Prinzip, sondern auch fuer die oberste Moral, fuer das Wissen von Gut und Boese. Keinem NIhilisten geht es um wortwoertlichen Glauben (Welt in 6 Tagen, Adam und Eva, usw), sondern an das unreflektierte Glauben an eine Moral. Auch wenn viele Menschen nicht an Gott (als Schoepfer und Richter) glauben, bzw seine Existenz als unwesentlich fuer das persoenliche Leben halten (Atheisten, Agnostiker), glauben sie DOCH an eine Moral, die ihnen zB befiehlt nicht zu toeten, nicht ihre nahen Verwandten zu begatten oder eine Willensmaxime zu haben die jederzeit Vorlage einer allgemeinen Gesetzesansammlung sein koennte.
Sie glauben an GUT, sie wollen GUT sein, entsprechend ihrer Moral. Doch diese Moral ist eine reine "Laemmermoral", sowohl in ihrer Schwaeche (schwach=gut, dem Adler wird das Adlersein vorgeworfen), als auch in ihrem animalen Aspekt.
Es ist nicht Kritik an der Moral dieser Zeit, es ist Verneinung der Moral als solchen. Lies Nietzsche, du wirst sehen, dass der Uebermensch eben NICHT durch Anstreben erreicht wird, und das fliegen nicht durch das Erklimmen der hoechsten Gipfel (ein zum Weinen schoenes Kapitel in "Also Sprach Zarathrusta" beschreibt sein Treffen mit einem Juengling, der am Boden zerstoert ist aufgrund seiner Einsamkeit und seines Neides).

Unsere Moral ist widerlich, weil unrational und tierisch. Ich toete nicht aus Angst vor Bestrafung, oder aus einem Grund, ich töte nicht, weil man sowas nicht tut. Außerdem solltest du zwischen Nietzsches Nihilismus (der ja eigentlich keiner ist, weil er eben ein Ziel hat) und dem russischen Nihilismus unterscheiden. Lermontows "Held unserer Zeit" tut seine Untaten nicht, um zu nihilieren, er tut sie, aus dem gleichen Grund, warum sich der Rüde die Eier leckt: weil er es kann und es Spaß macht.

Zitat:
Außerdem habe ich am obigen Beispiel bereits gezeigt, dass man diese Auslegung des Nihilismus nicht ernst nehmen kann

Nein, hast du nicht.
Du bezeichnest jemanden, der auf der Suche nach einer dem Leben dienlichen Moral ist, als "bemitleidenswert" ist, und das ganze generell als "Albernheit"; aber erklärst nicht warum.

Für Nihilisten (oder Nietzscheaner, über die scheinst du ja zu reden) ist es Feigheit, die dich daran hindert. Du hast eine Moral, Wertevorstellungen, einen Glauben; weil du nicht akzeptieren kannst, dass du allein bist und es keinen Unterschied macht wie du dich verhältst.

Warum tötest du nicht, Schlauch? Warum mastubierst du nicht in der Öffentlichkeit wie Diogenes? Weil deine jaemmerliche, für dich nicht erklärbare Moral es dir verbietet, obwohl sie nicht mehr ist, als tierische Impulse, die deine Art erhalten sollen.

Nashaupt - 17. Dez, 04:21

Jemand zu zitieren, um eine eigene Meinung zu unterstreichen ist üblich, ...

... eine schlechte kollektive Gewohnheit bequemer Rechthaberei sozusagen. Wer sich auf etwas beruft, um etwas zu beweisen, weiss letztlich nicht, was er meint, wenn er meint, seine Meinung zu sagen. Dagegen wendet sich letztlich der Nihilismus, 'nur' dagegen, aber dies sehr ungebremst. Darum ist er so unbeliebt. Der Nihilismus entblösst nicht die Werte, sondern deren Missbrauch für Heuchelei.
Überdies wäre es eine Überlegung und ein Wagnis des Denkens wert, den 'Über'menschen Nietzsches nichT als 'Superman' sondern als 'Transhomo', als ein mit seinem Bewusstsein alles zu überspannen lernendes und fähig werdendes Wesen zu verstehen. Das hat nichts mit Überheblichkeit sondern mit Verbindlichkeit zu tun.
Nietzsche wie etwa Kant lesen und verstehen zu wollen, muss katastrophale Missverständnisse erzeugen. Nietzsche ist ein leidenschaftlich rasender Poet, aber nicht wahnsinnig. Seine Sprache ist für heutige Nüchternheit schwer erträglich. Das erklärt, warum er so falsch verstanden wird, rechtfertigt aber nicht, ihn falsch zu verstehen. Nocheinmal : Nietzsche ist Poet, nicht Theoretiker, nicht Theologe, nicht Philosoph. Nietzsche ist nicht wie (der ebenfalls tendenziös überinterpretierte) Darwin Evolutionstheoretiker, sondern in poetischer Begeisterung über ferne Ergebnisse der menschlichen Evolution Eifernder. Wer das Ergebnis dieses grossartig pathetischen Fieberns mit buchhalterischer Gewissenhaftigkeit und juristischer Akribie Wort für Wort zu interpretieren versucht, ist fleissig aber verwehrt sich gerade damit den Zugang und hat nichts davon. Das verleitet natürlich dazu, den Missverstandenen für dieses Nichts als Nihilisten zu schelten. Nur ein krämerischer, schulmeisterlicher und vor allem total humorloser Utilitarist kann den 'Nihilismus' Nietzsches schlecht finden. Es gibt da nämlich nicht viel allzu Ernst zu Nehmendes, dafür sehr viel Witziges und Fröhliches, viel die Bewunderer antiker Poesie und nicht zuletzt den Poeten selbst Parodierendes.

schlauch - 18. Dez, 22:10

Erst einmal muss ich meine Freude über eine derart ausgereifte Argumentationsweise in den Kommentaren kunt tun. *Freu*

Zu Stefans Frage, warum zwischen Wahrheit und höheres Prinzip unterschieden werden soll:
Wie ich dich verstanden habe, ist der subjektive Eindruck, es gibt Gott, mit dem subjektiven Eindruck, es gebe Gott nicht, nicht qualitativ unterscheidbar, da beides gleichermaßen der Wahrnehmung entspringt. Meiner Meinung darf man von dem Eindruck der Nichtexistenz nicht auf die Nichtexistenz schließen, da die Wahrnehmung nie vollkommen ist. Der Unterschied zur Wahrheit besteht darin, dass wir uns "Wahrheit" schaffen, im Unterschied zu "Gott", der da ist. Daher darf man im Gegensatz zu Gott bei dem Eindruck der Nichtexistenz der Wahrheit auf seine Nichtexistenz schließen.

Zu Christoph:
Ich habe nicht bestritten, dass es keine oberste Moral gibt. Ich habe angezweifelt, dass die Welt reiner Willkür folgt und völlig ungesetzmäßig ist. Aus dieser Gesetzmäßigkeit folgt nach meiner Meinung unsere Existenz. Da unsere Moral irgendwo einen Ursprung haben muss, ist sie indirekt mit der Gesetzmäßigkeit der Welt verbunden. Deshalb müssen wir uns die Frage stellen: Sind derzeitige Moralvorstellungen wirklich irrational? Oder bewahren sie uns vor Schlimmeren, wenn ich mir z.B. verbiete, meine Mitschüler zu töten oder Jungfrauen zu vergewaltigen?
Ich bin mir sicher, man findet (auch wenns utilitaristisch ist) eine Erklärung für unseren Gesellschaftskodex, da er vielleicht nicht der beste, aber zumindest ein Weg ist, unser Überleben zu sichern.

Also Gegenfrage: Wie kann man sich die Moral des Übermenschen vorstellen? Gibt es Anzeichen, oder zumindest Hinweise, dafür, welches Verhalten eine bessere Alternative unserer Werte darstellen kann?

Nietzsche nicht als Philosoph, sondern als Poet zu verstehen, empfinde ich als eine kluge Idee. Ich finde Nietzsche nicht schlecht, finde es aber trotz seiner Einzigartigkeit gerechtfertigt, nach der Argumentation zu fragen, die hinter den Schlüssen seiner Werke steht.

Anna the Wolff - 19. Dez, 09:22

und nicht-jungfrauen zu vergewaltigen ist okay?! ;)
schlauch - 19. Dez, 19:34

natürlich! ;)

wenn ich mich noch vervollständigen darf:

"...obwohl sie nicht mehr ist, als tierische Impulse, die deine Art erhalten sollen."
Ich glaube, jetzt weiß ich, was unsere Meinungen scheidet:
Du findest den Grund der Arterhaltung als verwerflich und irrational, ich dagen logisch und rational. Wir sind uns jedoch darüber einig, dass jegliche Moral auf den Überlebenswunsch bzw. den Überlebenstrieb zurückzuführen ist (?)! Damit sind wir also zur Kernfrage gelangt: Wenn alle Moral auf den Überlebenstrieb zurückführt und ein Nihilist diese Moral verneint, muss er zu diesem Zwecke nicht auch seinen eigenen Überlebenstrieb verneinen? Und wenn dieser Überlebenstrieb nun verneint, also überwunden ist, müsste sich der gewordene "Übermensch" dann nicht sofort selbst das Leben nehmen, da jegliche weitere Handlung nur dem weiteren Überleben dienlich wäre?
Habe ich folglich nicht das Recht, das Bestreben der Übermenschwerdung, das unweigerlich in den Selbstmord führt, als albern zu bezeichnen?

Denn jeder Übermensch, der nun frei von jeglicher Moral und jedem Trieb in der Welt herumwandert, müsste einen neuen Sinn, einen neuen Antrieb suchen, um nicht an der eigenen Antriebslosigkeit zugrunde zu gehen. Ist damit die "immanente Entsprechung" gemeint? Welches Ziel sollte so ein Mensch vor Augen haben, wenn nicht eigenes Überleben? Das Überleben anderer? Die Rettung der Welt? Die Zerstörung der Welt? Absurd, denn derartige Werte wurden vorher verneint, und ergeben als grundlegendes Existenzziel keinen Sinn. Das bloße Existieren der Existenz willen ist die einzige Variante, kann allerdings nicht ohne Moral funktionieren. Die letzte Alternative wäre bloß die Existenz für ein höheres Wesen, für ein göttliches Endziel. Doch auch dies widerspricht sich per se mit dem Vorwurf, Moral sei erbärmlich, irrational und widersinnig.

Erklärungsversuche?
Oder ist dies tatsächlich nur fiktive Prosa eines Poeten?
mightygurke - 6. Jan, 00:12

:)

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